Schlagwörter

, , , , , ,

Größer gewachsene Motorradfahrer kennen es möglicherweise: Wenn das Mopped nicht wahlweise ganz ohne Scheibe oder mit einer großen Tourenscheibe kommt, funktioniert der werksseitige Windabweiser nicht immer optimal. Ich bin nun auch nicht gerade klein und wie bereits erwähnt habe ich auf der CS ein wenig Spechtsyndrom: ab ca. 140/150km/h treten oberhalb des Windschilds Turbulenzen auf, die mir den Helm rhythmisch gegen die Stirn tackern. Wenn ich die Scheibe abbaue, habe ich zwar mehr Druck auf dem Oberkörper, aber die unangenehme Geschichte am Kopf ist besser. Die CS ist aber nicht nur Spielzeug, sondern auch Transportmittel und da ist gar keine Scheibe für mich keine gute Option. Was macht der geneigte BMW Zweirad-Eigner im Falle der Unzufriedenheit mit der Serienausstattung? Genau, er klickt sich durch das Angebot der Firma Wunderlich. Die Scheibenoptionen für die F650 CS sind recht begrenzt und ich war fast schon dabei die ERGO Scheibe CS-Vario zu bestellen, als ich den Passus in den AGB las, dass einmal montierte Scheiben vom Rückgaberecht ausgeschlossen sind. Angerufen, nachgefragt, ob das kategorisch der Fall ist. „Ja, aber aus dem Ruhrgebiet ist doch nicht weit bis zu uns nach Sinzig. Wir haben Vorführprodukte, die können Sie testfahren. Die Scheibe habe ich hier liegen.“ Na gut, Sinzig liegt an der B9 Richtung Koblenz ein wenig südlich von Bonn und ist tatsächlich nicht so weit weg. Die Öffnungszeiten des Ladenlokals sind allerdings nur mäßig gut für Berufstätige geeignet. Kommt Zeit, kommt Freitag, stehste ganz früh auf, kannste früher weg.

Damit die ganze Nummer nicht nur für den Umsatz bei Wunderlich schön ist, fahre ich nicht über die Autobahn, sondern wähle eine schöne Strecke durchs Bergische Land. In Schwelm rein und in Troisdorf wieder raus. Dazwischen liegt viel Landstraße, teilweise so klein, dass es maximal ein asphaltierter Feldweg ist, viele enge Kurven.

Bei Wunderlich angekommen schildere ich mein Begehr und bekomme die Scheibe ausgehändigt. „Werkzeug dabei?“ Nur Bordwerkzeug. „Hier ist ein Ratschenkasten, ist bequemer“. Serienscheibe runter und dann versucht das Wunderlich-Teil draufzubekommen. Erster Eindruck: Das spannt ganz schön, gute Passform ist anders. Es braucht auch zwei Schrauben mehr, da die Scheibe weiter nach hinten gezogen ist. Dafür löst man die seitliche Befestigung des Instrumentenclusters und ersetzt sie durch zwei längere Schrauben plus Distanzbolzen. Wenn man zuerst diese beiden Schrauben setzt, lässt sich die Scheibe mit vorsichtigem Druck an Ort und Stelle bringen. Die übrigen Schrauben lassen sich so entspannt eindrehen wie zuvor.

Probefahrt auf der B9. Zweispurig, baulich getrennt, begrenzt auf 120km/h. Vergleiche mit dem für mich unangenehmen Geschwindigkeitsbereich, finde den Fehler. Naja, muss ja. Die Scheibe ist riesig, entsprechend groß meine Erwartungen. Erster Eindruck: Ja, die Scheibe nimmt Winddruck weg, aber erstens geht der Wind auch in der höchsten Einstellung bei weitem nicht über mich drüber sondern trifft jetzt kurz oberhalb des Visiers auf den Helm. Zweitens ist es nur minimal leiser. Nicht gut, zu wenig Effekt für den Preis.

Wieder zurück zu Wunderlich. Scheibe ab, Serienscheibe dran. „Kann ich auch mal den Spoiler testen?“ –  „Klar, hier.“ Der Spoileraufsatz wird mit einem gummierten Metallplättchen und zwei Inbusschrauben am existierenden Windschild angeklemmt. Höhe und Neigungswinkel sind variabel einstellbar. Das Teil ist klein, ich erwarte eigentlich keinen großen Effekt. Zuerst ist das auch so. Mit dem von Wunderlich geliehenendankenswerter Weise aufgedrängten Inbusschlüssel brauche ich mehrere Versuche, um einen guten Anstellwinkel des Spoilers zu finden. Am Ende ist der Effekt aber ähnlich groß, wie mit der wesentlich größeren Scheibe. Es ist möglicherweise ein ganz kleines bisschen lauter, aber nicht so viel, dass ich 75 Euro mehr ausgeben möchte und die etwas gewöhnungsbedürftige Optik der ERGO Scheibe in Kauf nehmen. Schön ist echt anders. Außerdem spart man sich beim Spoileraufsatz die Eintragung, denn der kommt mit ABE.

Mit beiden Zubehörteilen gilt: die unangenehmen Turbulenzen an der Stirn sind weg. Es bleibt schon noch etwas Winddruck am Kopf, aber jetzt, nach rund 1500km mit Spoileraufsatz, kann ich sagen, dass es auf längeren Strecken wesentlich weniger anstrengend ist.

Am Ende tut es dann nochmal ein bisschen weh: 94,90 Euro sind für gerade mal 23,2×8,2cm schlagfesten Kunststoff fällig. Bei Tante Lou gibts ähnliches auch für etwas weniger, aber jetzt bin ich schon mal hier, wurde gut beraten und konnte quasi beliebig lange probefahren, ohne dass irgendwer gemoppert hat. Außerdem ist das Teil passend zur Scheibe getönt.

Zum Abschluss beweist Wunderlich noch mal eben, dass ihnen durchaus klar ist, dass sie an Motorradfahrer verkaufen: „Haben Sie Platz, um den Aufsatz mitzunehmen oder sollen wir das versandkostenfrei nach Hause schicken?“ Yeah, danke, ihr habt mitgedacht! „Nö, ich schraub den direkt dran.“ – „Dann hier nochmal der Inbus“. Der Verkäufer fischt derweil nach Sekundenkleber um das Gummistück ans Metallplättchen zu kleben, ich warte kurz, schraube fest, stelle ein und ab gehts in den späten Bonner Feierabendstau auf der Godesberger Allee und durchs Bergische wieder nach Hause.

Werbeanzeigen