Schlagwörter

, , ,

Die Petition zur Legalisierung der Staudurchfahrung geistert nun schon einige Zeit durch meine Timeline und Alexander schrieb bereits sehr richtige Punkte dazu. Heute stieß ich via Bla auf den entsprechenden Post bei Motorrado, den ich zu kommentieren versuchte. Keine Ahnung, ob das ins Nirvana gegangen ist oder in die Moderationsqueue (EDIT: offensichtlich in die Modqueue, danke :) ). Ich schrieb unter anderem folgendes Trivium:

Wie viele andere fahre ich gelegentlich durch die Rettungsgasse, schlicht aus Sorge um meine Sicherheit.

... von der meiner Hinterfrau übrigens im Zweifel auch nicht. Das Bild stammt aus diesem Reddit-Thread.

… von der meiner Hinterfrau übrigens im Zweifel auch nicht. Das Bild stammt aus diesem Reddit-Thread.

Ja, durch die Rettungsgasse zu fahren und an der Ampel nach vorne durch sollte für Motorräder legal sein. Schlicht, weil es auf das besondere Schutzbedürfnis dieser Gruppe Rücksicht nimmt. Radfahrer und Mofas dürfen ja auch an der Ampel vor fahren — zu Recht. Von der Schutzwürdigkeit eines Radfahrers unterscheidet mich nur ein wenig Textil oder Leder und im besten Fall ein paar Protektoren. Also nichts, was einen Unterschied machen würde beim Einatmen von Abgasen oder wenn jemand von hinten auf mich auffährt. Davon abgesehen käme eine solche Regelung aber allen Verkehrsteilnehmern zugute: Sie würde die Autoschlangen kürzer machen. Davon hätten dann auch die Leute neben der Straße noch etwas: weniger Abgasbelastung.

-> Hier geht es zur Petition <-

Staudurchfahrung und Vorfahren an der Ampel sind sinnvoll. Als erste Ausbaustufe. Was die Verkehrssituation in Ballungsräumen und auf den Strecken dorthin wirklich verbessern würde, wäre vollständiges Lanesplitting, also das Teilen einer Fahrspur zwischen einem Vierplus- und einem Zweirädrigen Fahrzeug. Das geht nicht auf allen Straßen, aber z.B. auf allen Autobahnen, die sind breit genug. Meinetwegen auch mit einer Obergrenze: nur bei Flussgeschwindigkeiten bis 80km/h. Es wäre sinnvoll. Eine Studie des Safe Transportation Research & Education Center’s der Universität Berkeley vom August diesen Jahres befand unter anderem, dass Lanesplitter im Vergleich zu Im-Stau-Stehern ein signifikant geringeres Risiko für Kopf- (9.1% vs 16.5%) und Oberkörperverletzungen (18.6% vs 27.3%), sowie nicht zuletzt tödlichen Verletzungen (1.4% vs 3.1%) tragen. Die Studie basiert auf Daten, die die California Highway Patrol von ca. 8000 Motorradunfällen erhoben hat. TL;DR gibt’s bei Road & Track.

Aber weder Staudurchfahrung noch Lanesplitting lösen das Problem von undurchdachtem und rücksichtslosem Verhalten. Nachdenken würde helfen, aber das ist nicht jedem aus sich heraus gegeben. Aber vielleicht kann man Anstöße geben. Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn alle zumindest mal ein paar Meilen in den Schuhen der jeweils anderen laufen/fahren müssten/dürften/könnten:

Jeder Kleinwagenfahrer/in sollte zumindest einmal ein gut motorisiertes Mittelklassefahrzeug über eine lange Strecke bei hoher Geschwindigkeit fahren, am besten unter Zeitdruck, und einmal merken wie verdammt gefährlich das ist, wenn ein gut 100km/h langsamerer Kleinwagen 50 Meter vor ihm/ihr in die Fahrspur zieht.

Jede(r) Fahrer/in eines gut motorisierten SUV oder Firmenlimousine sollte gelegentlich im Winter nach Einbruch der Dunkelheit (for additional drama) mit einem durchschnittlich motorisierten Kleinwagen auf der Autobahn unterwegs sein. Es wird im Zweifel nicht sehr lange dauern, bis man mal zwei LKWs überholen muss. Die Erfahrung, dann im Rückspiegel ein Fahrzeug mit 80+km/h Differenzgeschwindigkeit auftauchen zu sehen, den Stoßfänger auf der eigenen Kopfhöhe, dessen Fahrer/in gefühlt auch erst bremst, wenn er/sie so nahe ist, dass man das Kennzeichen nicht mehr im Rückspiegel sehen kann, während man nicht ausweichen kann, weil sich links die Leitplanke, rechts der LKW und im Motorraum nicht das geringste bisschen zusätzliche Leistung befinden, hälfe womöglich, das eigene Verkehrsverhalten zu überdenken.

Alle Führerscheininhaber sollten einfach mal ein wenig Verkehr vom Mopped aus erlebt haben und jeder mal einen LKW mit Auflieger gelenkt haben. Der Takeaway von ersterem ist hier wohl offensichtlich; letzteres würde vielleicht ein wenig Respekt vermitteln vor all den LKW-Fahrern, die uns jeden Tag nicht übersehen, nicht unsere Kinder plattfahren und (vermutlich unter lautem Fluchen) jedes Mal wieder den Sicherheitsabstand vergrößern, wenn irgendwelche Spezialisten glaubten, dass 20 Meter sicher genug seien und sie mit ihrem Auto da jetzt mal dazwischen müssen.

Als regelmäßige Aktion ist so ein Rollentausch sicher utopisch, aber wir könnten damit anfangen, dass all diese Fahrzeugklassen Teil einer jeden ersten Führerscheinausbildung sind. Zumindest der Theorieteil wäre ohne signifikante Mehrkosten einfach erweiterbar. Die Autobahnfahrten sollten sowohl im Fiesta, als auch im X5 (exemplarisch, ihr wisst was ich meine) stattfinden, das wäre auch noch nicht wirklich teurer. 90 Minuten Mopped auf dem Übungsplatz und 90 Minuten durch die Stadt wäre ein Kostenpunkt, stimmt. Ebenso zwei Fahrstunden im Führerstand eines großen LKWs. Aber vielleicht wäre das sogar subventionswürdig, wenn es etwas bringt. Und vielleicht kommt ja der/die eine oder andere auf den Geschmack und macht noch den Rest der Ausbildung. Mehr LKWsMoppeds! Ich bin mir sicher, die Interessensvertretung der Fahrlehrer habe ich jetzt auf meiner Seite.

Leider habe ich keinen letztendlich erfolgversprechenden Lösungsansatz für das Arschlochproblem. Die wird es weiterhin in alles Formen und Farben, mit jedweder Herkunft und in und auf den verschiedensten Fahrzeugen geben. Zum Glück gibt es in jedem Stau viele Menschen, die genug Platz zum durchfahren lassen und auch solche, die bewusst Platz machen, wenn sie mich im Rückspiegel sehen. Danke dafür! Danke auch an die vier bis sechs Autofahrer pro Tag, deren Knautschzone ich an den Ampeln auf der Pendelstrecke parasitär mitnutze, indem ich zwischen ihnen halte und nicht am Ende der Schlange.