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Schon vor längerer Zeit hatte ich eine leicht defekte Sitzbank für die Scarver geschossen und dann ganz lange liegen lassen, damit sie reifen und ihr Aroma voll entfalten kannweil ich keine Zeit hatte. Von den zwei Befestigungsrasten, mit denen die Sitzbank vorne am Rahmen eingehängt wird, war eine abgebrochen. Der Verkäufer war der Meinung, damit könnte man noch super fahren, ich war lediglich der Meinung, dass man das vermutlich ganz gut würde reparieren können.

Als guten Start ins neue Jahr habe ich mir diese Woche die Sitzbank vornehmen können. In diesem Internet findet man verschiedenste, oft widersprüchliche Angaben zu geeigneten Schaumstoffen. Die wichtigen Parameter sind dabei das Raumgewicht (RG, Einheit kg/m³), de facto ein Maß für die Dichte des Schaumstoffs und die Stauchhärte (SH). Letztere definiert das Eindruckverhalten bei einer definierten Kraft: Stauchhärte 5.0 bedeutet laut Wikipedia, dass ein Druck von 50 kPa aufgewendet werden muss, um den Schaumstoff um 40% zusammenzudrücken.

Das Basismaterial zum Sitzbankaufpolstern ist Verbundschaumstoff, ein Recyclingprodukt, das durch Verpressen von Weichschaumstofffetzen hergestellt wird. Je nachdem, wie stark verpresst wird, lassen sich Blöcke mit unteschiedlichem Raumgewicht herstellen. Stauchhärte? Pi mal Daumen. Hier las ich irgendwann mal etwas von Raumgewicht > 200. Es kann sein, dass ein solcher Schaumstoff eine gute Grundplatte ergibt, wenn man eine Sitzbank von Grund auf (neu) aufbauen möchte. Da schlägt sicher so leicht nichts durch. Bei Draufdrücken fühlt sich die Sitzbank der Scarver aber eher nach RG 120 an. Bevor ich Gelegenheit zum Hands-on Vergleich hatte, habe ich das getan, was man halt so macht in der Mailorder-Society. Der Beschreibung des Händlers in der Bucht geglaubt und einfach mal eine Lage Schaumstoff bestellt. RG35/SH5.0 „bestens geeignet für Sitzpolsterungen“. Nope. Aber von vorne:

Normalerweise ist der Bezug einer Sitzbank um die Kante der selbigen geschlagen und dort festgetackert. Der erste Schritt zum Aufpolstern ist also, die gefühlten 5000 Tackernadeln mit einem stabilen Messer anzulösen (danke Opinel!) und mit einer Zange herauszuziehen. Wenn das erledigt ist, stellt man fest, dass BMW bei der Scarver die Ränder des Bezugs mit der Sitzbank verklebt hat. Der Kleber fühlt sich verdächtig nach Pattex an und lässt sich gut lösen. Und dann hält man plötzlich den Bezug und das Polster in der Hand. Wie das, fragt ihr? Turns out, der Sitz wird nicht aus Schale->Polster->Bezug aufgebaut, sondern der Bezug wohl direkt über eine Form gespannt und die Sitzbank ausgeschäumt. Anschließend wird das Polster mit dem Bezug in die Grundplatte der Sitzbank eingelegt und der Bezug mit selbiger verklebt und vertackert. Nachdem ich auf das existierende Polster aufbauen möchte, folgt das Grass’sche Spätwerk: Vom Häuten der ZwiebelSitzbank. Der Prozess involviert ein Messer und einiges an Zeit. Es ist von Vorteil, wenn das Messer nur so scharf ist, dass es problemlos den Schaum schneidet, aber nur mit etwas Mühe den Kunststoffbezug. Ansonsten funktioniert es wie beim Tierkadaver, nur ohne das ganze Blut und die olfaktorische Beeinträchtigung.

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Solange die Basis der Sitzbank nicht benötigt wurde, reparierte ich erstmal die abgebrochene Halterung: Säubern, aufbringen einer Schicht Glasfasermatte und schnellfestem Epoxydharz für die äußere Form, das ganze dann gleich nochmal und an den besonders belasteten Stellen gleich nochmal. Nachdem das 5-Minuten-Expoxy seine Formbarkeit verloren hatte, modellierte ich die Innenseite der Halterung aus Epoxy-Spachtelmasse auf, ebenfalls schnelltrochnend. Nach dem Aushärten schnitt und fräste ich eine Aussparung ins Material, die ungefähr der Form der intakten Halterung entsprach und nahm die genaue Anpassung iterativ am Mopped vor.

Nachdem ich Polster und Bezug, wie oben beschrieben, getrennt hatte, und die Basis dank neuer Befestigung wieder gut am Mopped hielt, verklebte ich erstmal Originalpolster und Basis. Das Polster ist an den Rändern relativ dünn und wenn man anderen Schaumstoff unter Spannung verklebt, wölben sich sonst besagte Ränder hoch, was das Formen des Schaumstoffs nachher erschwert. Dann verklebte ich eine Lage des „bestens geeigneten“ Schaumstoffs, schnitt den Überstand grob ab, wartete 24 Stunden bis der Pattex fest war, setzte die Sitzbank auf und … saß fluffig weich aber nicht sonderlich hoch. Super Polsterung Mr. Ebayseller, aber halt nicht so super Aufpolsterung.

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Schaumstoff-be-gone! Hier die Reste nach dem Entfernen des ersten Fehlversuchs.

Wenn man im Ruhrgebiet wohnt und keine Lust auf Paketlaufzeiten hat, sondern direkt weiterbauen will, gibt es in einem Hinterhof in Bochum die physische Manifestation von schaumstoff.com. Kein Ladengeschäft, aber wenn man die exzellente Schaumstoffberatung des Shops anruft und selbst vor Unkenntnis nur so strotzt, darf man auch vorbei kommen und mal ein paar Schaumstoffe probedrücken, falls an diesem Standort gerade etwas passendes im Lager liegt. Wäre nicht notwendig gewesen, das Probedrücken, die telefonische Beratung lag völlig richtig.

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Tools of trade und Schaumstoff. Das hier sind übrigens die Reste. Kleine Mengen kaufen klappte nicht so.

Aber der persönliche Kontakt war sehr nett, ich war mir nachher hinreichend sicher, dass der Schaumstoff, den ich da kaufe, die richtige Härte hat, und ich konnte direkt weiter machen. Zudem kaufte ich nicht nur eine 2cm starke Platte, sondern auch noch 5mm Rollenware Verbundschaumstoff, um dem Stückwerk von Polsterung nachher eine einheitliche, relativ glatte Oberfläche geben zu können. Und, ganz wichtig: 2 Dosen Spühkleber. Es arbeitete sich damit soviel besser als mit Pattex und Spachtel.

 

Wieder zu Hause löste ich den Weichschaumstoff vom Originalpolster und wo das nicht ging, kam der Shaper zum Einsatz. Das Internet hat mich drei Werkzeuge zur Schaumstoffbearbeitung gelehrt: 1) Teppichmesser, 2) Elektrisches Küchenmesser, 3) Drahtbürste am Winkelschleifer. Nummer 2 habe ich nicht und mein Winkelschleifer ist von der 18,5cm-du-brauchst-auf-jeden-Fall-beide-Hände-Sorte. sitzbank-14Was echt gut funktioniert, ist ein relativ kleine Drahtbürste an einem drehmomentstarken Akkuschrauber. Le Shaper.

Nächste Runde. Der Verbundschaumstoff ist natürlich deutlich fester. Ich habe ihn daher nicht einfach in einer Lage über das Originalpolster gezogen, sondern grob die Form des zukünfig Polsters in mehreren Stücken approximiert und nachher abgetragen. Zwischendrin braucht man ein wenig Phantasie und Zuversicht, denn das sieht erstmal nach vielem aus, aber nicht unbedingt nach Sitzbank.

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Für ein paar Planken Schaumstoff

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Noch ein paar mehr Lagen: Anprobe.

 

 

 

 

 

 

 

Nach erstem Zurechtdrechseln mit der motorisierten Drahtbürste sieht es noch nicht bequem aus, aber schon fast wieder wie eine Sitzbank. Bei der Anprobe habe ich mit einem dicken Filzstift die Stellen flächig angemalt, die irgendwo gedrückt haben und dann anschließend abgetragen. Mit dem Anpassen der Sitzbank an meine Gesäßform wurde auch die Optik immer organischer und der Unterbau langsam eine runde Sache. Das wichtigste Werkzeug in diesem Kontext soll nicht unerwähnt bleiben: ein Staubsauger. Was ein guter Polsterer möglicherweise frei Hand mit einem (elektrischen) Messer in Form schneiden kann, für das produziere ich einen riesigen Berg Schaumstoffflocken. So rund sich die Oberfläche irgendwann unter dem Hintern anfühlte, richtig geschlossen wurde sie nicht und das hatte ich auch nicht anders erwartet. Daher hatte ich zusätzlich zur dickeren Matte Verbundschaumstoff auch noch eine Lage in der Stärke 5mm erworben. Die schnitt ich grob zu, klebte sie unter leichter Spannung über die Sitzbank und schnitt die Überstände ab.

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Sieht schon eher wieder nach Sitzbank aus.

Der weichere Schaum kam an diesem Punkt dann noch noch zu seinem Recht. Denn in RG 120 sinke ich nicht wirklich ein. Was ja Sinn und Zweck der Übung war. Also ergänzte ich eine Lage RG35/SH5.0 an den Stellen, mit denen ich in Fahrhaltung in Kontakt komme.sitzbank-16

Der alte Bezug passt jetzt natürlich nicht mehr und ich bin auch nicht so ein riesiger Fan der Plastikoberfläche. Wenn man in Leder auf dem Mopped sitzt, ist alles gut und man rutscht nicht. Jeans geht so und mit einer Textilkombi trainiert man ganz hervorragend die Muskulatur auf der Oberschenkelinnenseite; man muss sich sehr aktiv festhalten auf dem Mopped.

Als ich initial den Plan gefasst hatte, meine Sitzbank aufzupolstern (als ich die Scarver so ca. sechs Monate hatte, glaube ich), hatte ich Bonded Leather bestellt. Das ist ein Material, das von der Haptik her sehr viel näher an echtem Leder dran ist, als normales Kunstleder, was daran liegt, dass es zu 50-80% aus echtem Leder besteht. Für die Herstellung werden Lederreste geshreddert und die Fasern mit einem stabilen Trägermaterial unter Zuhilfenahme von Bindemitteln verpresst. Die Optik ist also zu regelmäßig, um echtes Leder zu sein, die Haptik ist, zumindest bei meinem Restposten, sehr nah dran. Nachdem ich auch dieses Material gut abgelagert hatte, konnte ich es jetzt seiner Verwendung zuführen.

Vorher musst ich mir jedoch ein Schnittmuster basteln. Ich nahm dafür einen einfachen Stoff, den ich über die Sitzbank drappierte. Wenn man sich die Form der Sitzbank ansieht und alt mit neu vergleicht, fällt relativ direkt auf, dass der Bezug für die neue weniger aufwändig ist, da z.B. die Stufe zwischen Fahrer und Sozius sehr viel niedriger ausfällt. Beim Stecken der Abnäher hatte ich zum Glück trotzdem Hilfe.

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Fertig ist die Nesselprobe, wie der/die Profi sagt. Ich habe viele neue Worte gelernt bei diesem Sitzbankunterfangen. Hier sind die tatsächlichen Kanten für den Zuschnitt schon mit Kreide anmarkiert.

Anschließend habe ich mein Vorabmodell mit reichlich Nahtzugabe ausgeschnitten und auf das endgültige Material übertragen. Viel zu nähen war anschließend nicht. Das Bonded Leather fasert nicht aus und muss daher nicht eingefasst werden. Es waren also nur zwei Abnäher sehr genau zu stecken und dann zu nähen. Der zweite ist etwas besser geworden, als der erste, aber stabil und ordentlich sind sie beide.

Da der Schaumstoff sehr offenporig ist und ich nicht weiss, wie dicht das Obermaterial, habe ich im Anschluss den Schaumstoff noch mit dünner Folie bezogen, bevor ich angefangen habe, den Bezug festzutackern. Da ich mir nicht endgültig sicher war, ob ich nochmal nachbessern muss, habe ich den Bezug nicht mit dem Polster/der Folie verklebt.

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Fertig ist die Laube.

Für den ersten Versuch ohne Vorlage bin ich eigentlich ganz zufrieden. Ich hätte jetzt gerne ein paar Grad mehr und Zeit für eine längere Strecke, um zu testen, wie sich die neue Sitzbank nun wirklich anfühlt.

Alle Bilder als Gallerie:

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