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Dritter Post und direkt zum allseits beliebten Thema „Auf dem Mopped sind wir die Knautschzone“.

ATGATT Rider in formal attire (Quelle: Wikimedia Commons – CC0)

Ich fahre ja mit einer Menge Kram am Körper — entweder Leder oder abriebfestes Textil mit den üblichen Softprotektoren an Schultern, Ellenbogen, Hüfte und Knien. Diverse brettbezogene Risikosportarten haben mich über die Jahre gelehrt, dass Gelenkschutz sinnvoll ist. Man heilt ja mit zunehmendem Alter eher langsamer. Ich trage auch meist halbwegs ordentliches Schuhwerk. Aus Überlegung und dummerweise auch aus Erfahrung. Die Moppedstiefel, die ich damals in der kalten Jahreszeit auf der Dax trug, haben mir ein wenig das Schienbein gerettet haben, als ein 18-jähriger Held des Individualverkehrs meinte, mein Moped zwischen seine schlecht gemachte Tunerkarre und eine Gartenmauer klemmen zu müssen und mich über selbige schickte. Hätte ich die Einsicht nicht schon, würden unter Umständen die anschaulichen Erfahrungsberichte meines Kollegen mit dem Feuerwehrhobby weiterhelfen (wir sprachen über Rollerunfälle): „Wusstest du, dass sich der Zehensteg eines Flipflops bis zum Knöchel durch den Fuß schieben kann? Sieht nicht schön aus.“ Ich hätte noch ein ähnlich anschauliches Beispiel zum Fahren ohne Helm.

Im letzten halben Jahr haben sich drei neue Protektoren zu meiner Ausrüstung gesellt. Welche, wie die sich so tragen, und vor allem auch: welche nicht und weshalb, darum geht es in diesem Post.

Der erste Neuzugang war ein Rückenprotektor. Eigentlich hätte ich auch hier gerne Softprotektoren in der Textil- und der Lederjacke gehabt, weil bequemer und ein Teil weniger anzuziehen. Ist aber nicht. Das Lederzeug ist besagte Atlantis3-Kombi, die bis 2007 produziert wurde. Zu dem Zeitpunkt muss der durchschnittliche BMW-Fanboy motorisch fähiger gewesen sein als heute. Anders kann ich mir kaum erklären, warum der Protektor ganze 10-15cm breit ist. Es gehört schon eine Menge Geschicklichkeit dazu, genau so zu fallen, dass der schmale Streifen dann auch die Wirbelsäule bedeckt. Das ist bei der aktuellen Kombigeneration sehr viel besser gelöst, der Protektor deckt den Rücken in der Breite fast vollständig ab. Naturgemäß endet die Protektorfläche aber mit dem unteren Rand der Jacke, also ein gutes Stück vor dem Ende der Wirbelsäule. Das ist Mist, aber leider immer noch signifikant besser, als alle Zubehörprotektoren zum Einsetzen in die Jacken von Louis, Polo und co. Ich habe mich da ja ausführlich durch das Sortiment probiert, aber leider lassen praktisch alle dort angebotenen Einschubprotektoren die Lendenwirbelsäule komplett frei. Ist mir relativ unbegreiflich. Ich trage doch einen Rückenprotektor, um im Falle des Falles keine Querschnittslähmung davonzutragen, nicht damit ich nachher „nur“ einen tiefen Querschnitt habe. Softprotektoren sind billig, die Dinger einfach mal 20cm länger zu produzieren würde niemanden finanziell ruinieren: Der im Vergleich riesige Rückenprotektor, der in aktuellen BMW-Kombis steckt, ist gerade mal 10 Euro teurer, als der völlig unzureichend kurze Supershield Rücken von Tante Lou.

Besseren Sitz und bessere Abdeckung bieten Rückenprotektoren zum Umschnallen. Entweder als (Mesh-)Weste und/oder mit Schulterträgern, Hüft-, und Brustgurt. Letzterer ist nicht überall zu haben, aber sehr angenehm, denn er hält die Träger aus den Achselhöhlen heraus und vor der Brust. Beim Snowboarden fahre ich mit Rückenprotektor, seit ich in Parks fahre. Das ist schon ein paar Jahre her und ich hatte mir damals die erste Generation des Dainese Shield Air zugelegt. Das Teil gibt es inzwischen in der dritten Generation. Nach Information des freundlichen Dainese-Händlers ist die Wabenstruktur des Protektors in der ersten und dritten Generation aus Aluminium (und damit meines Wissens in der Wintersportausführung baugleich mit der Straßenversion — Angabe jedoch ohne Gewähr), während sie bei der zweiten aus Kunststoff ist. Ich bin also erstmal mit dem Protektor gefahren, den ich hatte.

Dainese Manis

Turtle Power! Dainese Manis

Etwas gefrustet ob der Tatsache, dass ich wohl keinen ordentlichen, bequem in der Jacke integrierten Rückenprotektor finden würde, habe ich irgendwann im Dainese Shop in Dortmund den Manis anprobiert. Das Ding ist ein Hardprotektor, der aus mehreren, flexibel gelagerten Einzelelementen besteht. Damit macht er auch Drehungen und seitliche Rückenbewegungen mit.

Was soll ich sagen, das Teil ist vermutlich einer der bequemsten Protektoren, die ich anprobiert habe und gleichzeitig neben dem Vanucci-Protektor von Louis momentan der mit der größten Flächenabdeckung. Leider ist er mit 169 Euro auch im oberen Preissegment angesiedelt, weshalb ich da erst nochmal etwas Bedenkzeit brauchte. Ich habe ihn dann zwei Wochen später gekauft und das bisher auch nicht bereut. Wenn man in der Gegend ist, lohnt sich auch der Ladenkauf gegenüber dem Onlineshop — man kann in Ruhe anprobieren und ich habe bisher fast immer sinnvolle Prozente bekommen.

Der zweite Neuzugang war ein Neck Brace. Im Motocross recht gängig, auf der Straße bisher eher selten gesehen, sollen sie Verletzungen der Halswirbelsäule beim Sturz verhindern indem der Maximalausschlag des Kopfes begrenzt und die Belastung von der Halswirbelsäule auf Brustkorb bzw. Rücken verlagert werden. Seit ein oder zwei Jahren gibt es vom Neck Brace-Kartellvon der Entwicklungsallianz Leatt, BMW, KTM neben der Offroadvariante auch eine Streetversion, die der weniger aufrechten Körperhaltung auf Straßenmaschinen Rechnung tragen soll. Neben den eher geringen Änderungen an der Grundform ist der wesentliche Unterschied die Abstützung am Rücken. Wo die Offroadversion eine zentrale Stütze hat, die von vorn auf den Nacken wirkende Kräfte an die Brustwirbelsäuleden Rückenprotektor weiterreicht,hat die Streetversion zwei schmalere Stützen, die auf den Schulterblättern aufliegen. Auch die Abstützung an der Vorderseite ist nun zweigeteilt und lässt den Reißverschluss der Jacke somit frei. Die BMW-Ausgabe gibt es beim Freundlichen, Neck Braces mit Leatt Branding habe ich bei Louis anprobiert.

BMW Neck Brace Street -- fällt mit seinen ca. 800g nicht weiter auf

BMW Neck Brace Street — fällt mit seinen ca. 800g nicht weiter auf

Schutzausrüstung muss ja primär zweierlei: gut schützen, damit sie Sinn hat und gut sitzen, damit man sie auch trägt. Wie viele abgestiegene Fahrer sich dank eines Neck Braces nun nicht das Genick verletzt haben, es sich ohne aber tatsächlich verletzt hätten, lässt sich naturgemäß schlecht beziffern. Gut sitzen tut das Neck Brace Street jedenfalls, wenn man es erstmal richtig eingestellt hat. Fazit nach 5 Monaten: Mit Rückenprotektor und Lederkombi vergisst man nach kurzer Zeit, dass man da noch eine Halskrause trägt. Schulterblick etc. geht ohne Einschränkung. Die Klippverschlüsse der elastischen Bänder, die unter den Achseln durchgezogen werden, klickt man nach kurzer Zeit routiniert ohne viel Fummelei zusammen. Die Bänder sind gleichzeitig das größte Manko der ganzen Angelegenheit: sie verstellen sich in der Länge immer wieder und müssen zumindest bei jedem Anlegen, manchmal auch während der Fahrt, wieder strammgezogen werden. Mit meiner Textiljacke trägt sich das Neck Brace auch weniger angenehm, da die Jacke etwas mehr aufträgt und einen höheren Kragen hat. Da muss ich ab und zu nachkorrigieren, wenn es hochrutscht und beim Drehen des Kopfes am Helmrand kratzt. Es wäre also schlau, zur Anprobe alle Jacken mitzunehmen, mit denen man das Ding fahren wird. Leider ist diese Jacke nach dem Neck Brace in den Kleiderschrank eingezogen.

Tja, und dann ist da noch das Preisschild: Mit initial 495 Euro war das Teil nicht gerade billig, kostet heute aber 100 Euro weniger. Ob nun Leatt, KTM, oder BMW drauf steht, Unterschiede finden sich nur in der Farbgebung. Ich habe meines am Ende bei BMW gekauft. KTM war auf Grund der Farbgestaltung raus und der BMW-Händler ist mir im Gegensatz zu Louis preislich zumindest 10% entgegengekommen. Günstiger hätte es zum Saisonende werden können, wenn man nicht gerade Größe L brauchte: Louis hatte den Restbestand an Leatt-Braces um rund 20% reduziert.

Der dritte Neuzugang im Protektorenbunde ist ein Brustprotektor. Der ist ein wenig dem Roller geschuldet. Während Verletzungen der Halswirbelsäule bei Motorradunfällen zwar fatal aber relativ selten sind, sind Verletzungen des Thorax häufiger. Aus dem Grund beschränken sich auch Airbagsysteme nicht auf eine Stabilisierung des Genicks, sondern ploppen ebenfalls vor der Brust auf, wenn der Fahrer absteigt. PistonPin hat so eine Airbagweste mal ausprobiert. Während es dem geübten Moppeddresseur noch gelingen kann, beim Absteigen über den Lenker über das gegnerische Fahrzeug zu kommen (falls flach genug), kommt der gemeine Rollerfahrer oft nur bis zu dem Punkt, wo seine Beine am Lenker hängen bleiben. Das ganze Arrangement ist einfach etwas kompakter. Kopf oder Brust sind dann prädestiniert einen intensiven Kontakt mit der Dose des Unfallgegners. Also munter auf die Suche nach einem nach (Pr-)EN1621.3 zertifizierten Brustprotektor.

Bei Louis und Polo war Essig. Den breiten Vanucci-Rückenprotektor gibt es zwar auch in einer Weste, die jedoch vorne nur Polster hat und nichts mit irgendeiner Form von Schutzwirkung. Im Crossbereich gibt es natürlich eine reiche Auswahl an Protektorwesten und Jacken mit Hardprotektor vorne (für die Offroad-Fraktion lohnt sich dieser Thread). Nach solchen, die auch den seitlichen Brustkorb abdecken, muss man auch schon suchen. Eigentlich auch Unfug, denn gleichzeitig sind die Ellenbogenprotektoren vieler Protektorenjacken so ausgeführt, dass zum Brustkorb hin eine harte Kante existiert. Schlägt man auf die Seite auf und hat den Arm neben dem Körper, trifft der Rand des harten Protektors mit voller Wucht die ungeschützen Rippen. Davon abgesehen passen Cross-Panzer und Tourenkombi nun auch nicht so gut zusammen.

Dainese Chest -- keine Ahnung wofür die sechs Kühlrippen da unten gut sind.

Dainese Chest — keine Ahnung wofür die sechs Kühlrippen da unten gut sind.

Wer schon relativ lange einzelne Brustprotektoren im Programm hat, ist Dainese. Zielgruppe ist eigentlich die Rennsportfraktion, die Protektoren werden ohne weitere Befestigung unter die Jacke geschoben. Ein Teil der Dainese Kombis hat dafür einen einseitigen Einschub im Brustbereich, der den Protektor zusätzlich in Position hält. Geht aber unter einer gut sitzenden Lederkombi auch ohne. In meiner Textiljacke würde ich mir eine zusätzliche Befestigung wünschen, aber der Protektor rutscht auch hier nur geringfügig nach unten und sitzt damit ungefähr so präzise, wie der Rest der Protektoren in der Jacke. Insgesamt erstaunlich gut und das Neck Brace passt auch noch, wenn auch auf einer weiteren Einstellung. Ich fahre den Brustprotektor jetzt seit ca. drei Monaten. Da er eine gewisse Isolationswirkung hat, was ihn aktuell sehr angenehm macht, bin ich zugegebenermaßen etwas auf den Sommer gespannt.

Am Ende ist vorausschauendes Fahren und ein vermiedener Unfall um Längen besser als jeder Protektor, zumal es genügend Szenarien gibt, bei denen es herzlich egal ist, welche Protektoren ich trage. Protektoren sind ein wenig wie eine Unfallversicherung: Ich habe sie in der Hoffnung, sie nie zu brauchen und falls ich sie brauche, decken sie hoffentlich die relevanten Stellen ab. Die Frage was nun die „richtige“ Schutzausrüstung ist, muss eh jeder für sich selbst beantworten. Was tragt ihr so?

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